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Kupari - Spuren des Krieges

Mittlerweile ist es einige Monate her, dass meine Fotoausstellung "Kupari - Spuren des Krieges" beendet wurde.

Daher möchte ich Dir jetzt gerne die Möglichkeit bieten Dir die Bilder online anzuschauen.

 

Natürlich werde ich Dir auch einige Hintergründe zu der Ausstellung und ihrer Entstehung liefern.

Ganz zum Schluss findest Du dann ein sehr bewegendes Interview mit einem Zeitzeugen.

Wie ein Badeurlaub zu einer Reise in die Vergangenheit wurde

 

Im September 2015 habe ich den kleinen Ort Mlini in Kroatien zum ersten Mal besucht. Es schien dort perfekt für einen Selbstversorger-Urlaub in der Nähe von Dubrovnik zu sein. Eines Tages ging ich zur nächsten Bucht, welche zu dem Ort Kupari gehört. Was ich dort vorfand ließ meinen Mund weit offenstehen.

 

Es war ein riesiger Komplex verlassener Hotels in einer wunderschönen Umgebung zwischen Palmen und inmitten mediterraner Vegetation. Diesen Ruinen waren größer als jeder andere Lost Place den ich bisher gesehen hatte. Von außen konnte man Einschusslöcher klein- und großkalibriger Waffen sehen, welche über alle Mauern verteilt waren. Ich war sehr unsicher aber auch entschlossen diesen Ort näher zu erkunden. Nach meiner „Expedition“ fragte ich mich, was wohl mit den Hotels passiert war und welche Geschichte sie mir erzählen würden, wenn sie könnten. Noch während meines Aufenthalts fand ich heraus, dass die Anlage 1991 von der serbischen Armee auf ihrem Weg nach Dubrovnik zerstört wurden.

 

 

In Wirklichkeit ist dieser Ort sowohl bei Einheimischen als auch Touristen bekannt. Die Gebäude sind voll von Graffitis und im Inneren fanden sich die Spuren von mehreren Paintball-Schlachten, die hier von einheimischen Teenagern ausgetragen wurden. Alles in allem machte mich der Ort sehr nachdenklich und er bekam einen gewissen Platz in meinem Unterbewusstsein.

 

 

Der Gedanke kam auf, dass es sehr interessant wäre, mit jemandem zu sprechen, der den Krieg und die Angriffe auf die Region um Dubrovnik miterlebt hatte. Also kontaktierte ich den Inhaber eines Restaurants in Mlini, welchen ich bei meinem ersten Besuch kennengelernt hatte und fragte ihn, ob er jemanden aus Kupari kennen würde, der mit meine Fragen beantworten würde. Drei Wochen später saß ich in einem Flugzeug Richtung Dubrovnik…

 

 

Am Tag nach meiner Ankunft traf ich Pero das erste Mal. Er lud mich am nächsten Tag in sein Haus zum Frühstück ein. Pero führte mich im Haus herum, zeigte mir wo eine Granate das Dach traf, deutete auf die nahe gelegenen Berge und meinte, dass die serbische Armee da oben war und die gesamte Region unter Beschuss nahm. Danach zeigte er mir an seinem PC historische Fotos der Hotels, welche jetzt nur noch Ruinen sind und wie Mahnmale in der Bucht stehen.

Mit diesen Bildern und Eindrücken im Kopf begannen wir einen Spaziergang durch Pero’s eigene Vergangenheit. Er zeigte mir die Orte der Schutzräume in denen er und seine Familie in den ersten Tagen des Krieges Zuflucht suchten. Danach führte er mich in die Ruinen, während er mir Geschichten über die Vergangenheit des Luxus-Resorts schilderte, in dem viele hohe und gut situierte Militärs der jugoslawischen Armee ihren Urlaub verbrachten.

Später führten wir in einem Café das weiter unten folgende Interview.

 

Short Facts zur Region

  • Kupari liegt ca. 9km südöstlich von Dubrovnik

 

  • Der Ortsname stammt von einer Dachziegel-Fabrik, die seit dem 16.Jhd. Dachziegel für Dubrovnik produziert hat (kupa = kroatisch für Dachziegel)

 

  • 1919 wurde an der Stelle der alten Fabrik das Hotel Grand errichtet

 

  • 1983 wurde das Resort mit dem Hotel Goricina(II) finalisiert

 

  • Das Areal der fünf ehemaligen Hotels umfasst ca. 12ha

 

  • Die Kapazität aller Unterkünfte lag bei ca. 4000 Betten

 

  • Berühmte Gäste waren u.a. Michael Gorbatschow und Marilyn Monroe

 

  • General Tito residierte in einer Villa nahe der Anlage

 

  • Alle Hotels wurden 1991 durch serbisch-montenegrinische Truppen zerstört

 

 

Das Interview

U: Hallo Pero! Wie geht’s Dir?

 

P: Nicht so gut (lacht) (U: Pero war etwas unsicher, da dies sein erstes Interview war.)

 

 

U: Wie lange lebst Du schon in Kupari?

 

P: Ich wurde im Oktober 1970 in Dubrovnik geboren, lebe hier aber schon mein ganzes Leben lang. Ich war 21 Jahre alt als der Krieg ausbrach.

 

 

U: Wie bist Du mit der Situation umgegangen als Du Dich auf einmal im Krieg befunden hast?

 

P: Am 1. Oktober 1991 begannen die serbische Armee und die „inoffizielle“ Armee, die Tschetniks, das Morden. Sie bombardierten uns von Flugzeugen aus, schossen mit Mörsern aus den Bergen und feuerten Granaten von Schiffen ab. Wir mussten unser Haus umgehend verlassen, denn es war zu gefährlich dort zu bleiben. Zuerst gingen wir in einen Luftschutzraum in der Nähe unseres Hauses. Wir blieben dort zwei Tage lang. Dann wechselten wir in einen anderen Schutzraum im damaligen Hotel Orlando und blieben dort für fünf weitere Tage. Danach gingen wir nach Dubrovnik. Unser Haus wurde gleich am ersten Tag zerstört, eine Granate traf das Dach. Ein anderes Haus meiner Familie wurde niedergebrannt. Als wir in die Stadt kamen, gab es in den ersten drei Monaten keine Wasserversorgung und keinen Strom. Wasser wurde von Italien per Schiff nach Dubrovnik gebracht und das Essen in den Supermärkten war nach der ersten Woche aufgebraucht. Da die ganze Stadt von serbischen Truppen eingekesselt war, lief die gesamte Versorgung über den Seeweg. In der Regel war die Stadt von 6:00-18:00 Uhr den Angriffen ausgesetzt. Es war wie Arbeitszeit (lacht). Während der Bombardements waren die Menschen in den Schutzräumen, aber wenn die Angriffe vorbei waren, konnte man raus gehen. Manchmal sogar in eine Bar. Der 6.Dezember war der schlimmste Tag der Angriffe. Sie warfen mehr als tausend Bomben und Granaten über der gesamten Stadt ab. Viele historische Gebäude wurden am Nikolaustag zerstört.

 

 

U: Wie hat es sich angefühlt, am Abend nach den Angriffen auszugehen? Fühlte es sich irgendwie normal an oder war es eher merkwürdig?

 

P: Abends gab es zwar eine Polizeistunde, man konnte aber trotzdem raus gehen. Das war kein normales Leben aber man hat versucht es zu imitieren. Manchmal war es wirklich hart, da es, wie gesagt, in den ersten drei Monaten keine Strom- und Wasserversorgung gab. Jeden Morgen, nach dem Aufstehen, musste man zu einer Ausgabestelle gehen und dort auf Wasser warten. Danach musste man zu einem weiteren Ort gehen und auf Essen warten. Erst dann konnte man sich endlich Kaffee machen (lacht). Nach einer gewissen Zeit hatten Bars und Cafés Generatoren für die eigene Stromversorgung, so dass man dort ein Getränk zu sich nehmen konnte. Die ganze Situation war total verrückt, denn am Abend wurden alle Lichter in der Stadt gelöscht, um nächtliche Angriffe zu vermeiden. Viele Menschen gingen in guten Kleidern auf der Stradun (der Hauptstraße von Dubrovniks Altstadt) auf und ab, aber es konnte sie niemand sehen weil es total finster war (lacht).

 

 

U: Also habt ihr euch herausgeputzt, um das normale Leben zu imitieren aber niemand konnte euch sehen?

 

P: Ja! (lacht sehr laut) Aber in Wirklichkeit war es eine sehr schlimme Situation. Wenn der Beschuss gegen 18:00 beendet wurde, gingen wir zuerst hoch zum Fort und schauten ob es Licht, also Strom gab und was zerstört wurde. Dann haben wir unsere Freunde angerufen um zu hören, dass sie noch am Leben waren. Ich bin froh denn niemandem aus meiner Familie und keinem meiner Freunde ist etwas passiert. Einige kämpften in der Armee, andere wurden in Konzentrationslager verschleppt, aber sie blieben alle am Leben. Einige Personen, die ich aus der Vergangenheit kannte, wurden getötet, aber es war niemand dabei mit dem ich noch Kontakt hatte. Im Krieg konntest Du alle materiellen Dinge innerhalb eines Tages, einer Stunde oder einer Sekunde verlieren. Das war schlimm aber eigentlich egal. Das Wichtigste war, dass man gesund und am Leben war. So lange dann auch noch die Familie und Freunde in Ordnung waren, so lange war alles gut.

 

 

U: Wie war die Beziehung zwischen den Menschen in Dubrovnik? Hat man sich eher geholfen oder hat jeder sein eigenes Ding durchgezogen?

 

P: Die Menschen wollten mehr zusammen sein als es sonst üblich war und man half sich gegenseitig. Das war um einiges einfacher als sich alleine durchzuschlagen.

 

 

U: Was war Deine schlimmste Erfahrung im Krieg?

 

P: Meine schlimmste Erfahrung war der Schutzraum am Anfang des Krieges. Es war dort sehr feucht und stickig. Außerdem waren dort viel zu viele Menschen unter sehr beengten Bedingungen. Die dort herrschende Hysterie war das Schlimmste.

 

Es war fürchterlich, dass wir unser Haus verlassen mussten aber es war noch schlimmer zurückzukommen. Als wir gingen war noch alles normal. Am Tag an dem wir wieder dorthin kamen, war das Haus zerstört und all unser Hab und Gut war gestohlen oder ebenfalls zerstört. Das war ein schlimmer Anblick. Zu hören, dass einige ehemalige Schulkameraden getötet wurden und einige Bekannte ins Konzentrationslager nach Montenegro verschleppt wurden war das Schlimmste was ich bis dahin erlebt hatte.

 

 

U: Was war Deine „beste“ Erfahrung? Gab es überhaupt etwas Positives?

 

P: Das Beste war der Versuch das normale Leben zu imitieren, denn das gab uns Zuversicht. Im normalen Leben hat man die ganze Zeit das Gefühl, dass man etwas tun muss. Man muss zur Arbeit gehen, man muss sich ständig verbessern, man muss über die Zukunft nachdenken… Im Krieg muss man genau gar nichts außer am Leben zu bleiben. Normalerweise fühlt man sich schlecht wenn man herum sitzt und nichts tut aber im Krieg ist das anders. Man ist im Hier und Jetzt. Die äußeren Umstände sind zwar nicht gut aber das war eine interessante Erkenntnis.

 

 

U: In der Zeit in der Du, wie Du gesagt hast, das normale Leben imitiert hast – hast Du da auch mal etwas Außergewöhnliches wie z.B. einen „Urlaub“ vom Krieg gemacht?

 

P: Man konnte nicht einfach in den Urlaub fahren aber im April 1992 kam mein Cousin aus Kalifornien nach Ljubljana, die Hauptstadt Sloweniens und fragte mich ob ich ihn besuchen könne. Ich organisierte mir eine Genehmigung für die Reise. Ich lebte nun schon seit einem halben Jahr unter ständigem Beschuss und so war Ljubljana wie ein anderes Universum für mich. Alles war einfach nur normal und genau deswegen total speziell für mich. Es gab Wasser, Strom und man konnte alles was man wollte einfach im Supermarkt kaufen. Man hörte keine Schüsse oder Explosionen und nichts war zerstört. Eine sehr gute Erfahrung und eine willkommene Abwechslung zu dem Zeitpunkt. Er wohnte nah am Flughafen. Als ich ein Flugzeug hörte, dachte ich erst, dass ich weglaufen müsste aber dann wurde mir bewusst, dass ich in Sicherheit und nicht in Dubrovnik war. 1994, als der Krieg schon drei Jahre andauerte, fuhr ich mit einem Freund nach Wien zum Konzert von Pink Floyd. Nichts konnte spektakulärer sein! (lacht)

 

 

U: Warum hast Du Dich entschieden, in einer Region zu bleiben, die in einen Krieg verwickelt war und in einer Stadt zu bleiben, die unter Beschuss lag?

 

P: Zuerst einmal war es nicht legal, einfach das Land zu verlassen, wenn man ein Mann und alt genug war. Aber ich wollte auch nicht gehen, weil meine Eltern und Freunde hier waren. Das war mein Leben und so war es für mich keine Option, einfach alleine irgendwo anders hinzugehen. So viele Leute sprechen über Patriotismus, aber ich mag das nicht. Für mich bedeutet Patriotismus, meine Leute zu beschützen und ihnen zu helfen. Wir wollten auch unser Haus beschützen, aber das konnten wir nicht. Also haben wir es wieder aufgebaut. Ich denke, man kann irgendwo anders hingehen, wenn alles in Ordnung ist. So blieben wir hier und vertrauten darauf, dass sich alles zum Besseren wenden würde. Das machte es einfacher. Vier Jahre im Krieg waren eine lange Zeit aber ich lebe nicht in der Vergangenheit. Ich schaue immer nach vorne.

 

 

U: Wie fühlte es sich an, als der Krieg nach vier Jahren vorbei war?

 

P: Ich fühlte nichts Spezielles, denn in den folgenden vier bis fünf Jahren sah es immer noch wie im Krieg aus. Nur ohne Waffen. In dieser Region ist der Tourismus sehr wichtig. Aber nach dem Krieg gab es keinen Tourismus mehr, da alles zerstört war und wir kaum Geld hatten. Die Armut machte die Menschen aggressiv und viele hatten immer noch Waffen. Die Situation begann sich um die Jahrtausendwende zu ändern. Die ersten Gäste kamen aus dem nahe gelegenen Italien. Später kamen dann die Deutschen und Österreicher.

 

 

U: Welchen Einfluss hat der Krieg heute noch auf die Menschen hier?

 

P: Er hat einen sehr schlechten Einfluss. Man kann sehr einfach Häuser und Hotels wieder aufbauen aber nicht die Menschen. Vor dem Krieg hatten die Menschen hier ein „easy-living“ Lebensgefühl. Jetzt sind sie weniger entspannt und tragen noch immer den Krieg in ihren Seelen. Die jungen Leute sprechen viel über den Krieg obwohl sie eigentlich nichts darüber wissen. Sie sind von der Meinung ihrer Eltern beeinflusst. Hier in Dubrovnik haben wir Glück, denn durch den Tourismus treffen wir sehr viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Es ist schwierig ein Nationalist zu sein wenn man von den Touristen leben und an ihr Geld kommen möchte. (lacht)

  

 

U: Wie hat der Krieg Deine Meinung über die anderen Nationen, die in den Krieg involviert waren, beeinflusst?

 

P: Hier waren wir nur mit Serbien im Krieg. Albanien ist zu weit weg und mit Bosnien und Montenegro gab es keine Probleme. Es ist nicht möglich, dass jeder Bürger einer Nation schuldig ist. Es gibt überall schuldige und unschuldige Menschen. Die Angelegenheiten zwischen Serbien und Kroatien werden nur sehr langsam besser. Es gibt einige Parteien und Politiker, die versuchen den Prozess der Annäherung zu verlangsamen. Die Situation zu verbessern ist eine große Aufgabe, die viel Zeit benötigt. Ich denke, dass wir in dieser Region zu viel Geschichte und Hass haben was die Menschen davon abhält nach vorne zu schauen.

 

U: Vielen Dank für das Interview!

Mein Dank geht an:

Pero, Dom, Vivado Travel Agency, Alex, Michaela T., Michaela M., Thomas, Martina, Amélie, Sascha, Robert und die Galerie LIK

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Kommentare: 1
  • #1

    Katheder (Sonntag, 30 August 2020 11:19)

    Das ist ein sehr nachdenkliches Interview und lässt einen hoffen dass so etwas nie mehr passiert. Ich würde gerne die Ruinen mal besichtigen, kann mir jemand sagen ob Sie noch stehen?